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Kölner Stadt-Anzeiger | Region | Rhein-Berg
Orchideenkartierung: Ein zwiespältiges Ergebnis
Von Elke Landschoof 05.11.13, 17:51 Uhr

Das Schwertblättrige Waldvögelein gedeiht am besten an lichten Stellen.

Das Schwertblättrige Waldvögelein gedeiht am besten an lichten Stellen.
Foto: Bilder: privat (3), Dino (1)
Rhein-Berg -
„Bergisch Gladbach liegt am falschen Standort“, sagt Hubert Sumser, Botaniker und
Vorstandsmitglied des RBN, des Bergischen Naturschutzvereins. Aus seiner Sicht ist das durchaus
nachzuvollziehen. Denn die 83 Quadratkilometer große Stadt mit über 109 000 Einwohnern und zahlreichen
Unternehmen ist auf Kalkdolomitgestein gebaut. Und auf solchem Untergrund siedeln sich auch gerne
Knabenkraut und Waldvögelein an. Der Ochideenliebhaber hätte angesichts des günstigen Untergrundes
natürlich lieber statt Häusern und Straßen mehr freie Flächen für die zarten Pflanzen. Wo und wie viele dieser
heimischen Orchideen in Bergisch Gladbach und Umgebung zu finden sind, darüber gibt die im Sommer 2013
durchgeführte Orchideenkartierung Auskunft.
„Die Erhebung wurde vom AHO, dem Arbeitskreis Heimische Orchideen Nordrhein-Westfalen, angestoßen“,
erklärt Sumser. „Er wollte wissen, wie sich der Bestand entwickelt hat und auch die Rückgänge dokumentieren.“
Insgesamt gibt es in NRW 42 Orchideenarten. In dem von der AHO herausgegebenen Buch „Die Orchideen
Nordrhein-Westfalens“ sind diese Arten ausführlich beschrieben, ihre Standorte werden dort in Karten
aufgeführt. Doch das Buch ist von 2001 und zudem vergriffen. Nun ist für 2015 eine Neuauflage geplant. Dafür
wurden bekannte Standorte besucht und neuen Hinweisen nachgegangen.
„Das Ergebnis ist zwiespältig“, sagt Sumser. Zwar seien zwei neue Orchideenarten im Kreis gefunden worden.
„Doch es gibt viele Gebiete, wo in den bekannten Beständen ein starker Rückgang zu verzeichnen ist.“ Sumser
kennt viele der Standorte der seltenen Pflanzen, doch durchgeführt wurde die Kartierung von Dario Wolbeck.
„Ein junger Mann, der nicht aus der Region stammt“, erzählt der Pflanzenfreund. In der Zeit zwischen Abitur
und Studium – inzwischen studiert Wolbeck Biodiversität in Göttingen – habe der angehende Student bekannte
Standorte aufgesucht und sei auch Hinweisen nachgegangen, die teilweise noch aus den 1980er Jahren
stammten.
Insgesamt besuchte Wolbeck 29 Standorte im Rheinisch-Bergischen Kreis. Was er vorfand, dokumentierte er auf
einem standardisierten Erfassungsbogen, kreuzte dort an, in welchem Biotop er die Orchideen gefunden hat
(Laubwald, Nadelwald, Garten, Friedhof, Feuchtwiese, Steinbruch, Halde) und ob eine Gefährdung des
Bestandes besteht – zum Beispiel durch Verbuschung, Baumaßnahmen, Freizeitaktivitäten oder Austrocknung).
Im Zuge der Kartierung habt er so zwölf Orchideenarten und einige Hybriden (Orchideenmischlinge)nachweisen können.
Er fand einen Bestand von zehn Schwertblättrigen Waldvögelein an der Strunde, wo zuvor nur ein bis zwei
Exemplare wuchsen. Die Kleinblättrige Ständelwurz wurde seit fünf Jahren nicht mehr im Kreis gesichtet.
Wolbeck entdeckte ganz zufällig, außerhalb eines Naturschutzgebietes an unwegsamen Stellen an Schlade und
Strunde gleich 16 dieser Orchideen. Einen ganz besonders bemerkenswerten Fund machte der junge Forscher
mitten in Bergisch Gladbach, als er einem alten Hinweis nachging: Auf einer Lichtung in einem Waldstück fand
er über 1000 Exemplare von Epipactis palustris, dem Sumpf-Stendelwurz, über 1000 Pflanzen des

rosablühenden gefleckten Knabenkrauts und über 1000 Große Zweiblatt. „Problematisch könnte der langfristige
Erhalt dieses »Garten Eden« werden, denn der Grundstückspreis in dieser Lage ist sehr hoch und daher eine
spätere Bebauung sehr wahrscheinlich“, schreibt der Kartierer in seiner Zusammenfassung.
Allerdings musste Wolbeck auch manch ehemaligen Bestand als ausgelöscht oder stark gefährdet markieren,
denn dort, wo früher Orchideen wuchsen, weiden jetzt Pferde oder machen hoch wachsende Stauden wie Echtes
Mädesüß oder Springkraut den seltenen Pflanzen den Standort streitig. Dabei müsste letzteres nicht sein. „Im
Landschaftsschutzplan ist die Pflege von Orchideenstandorten festgeschrieben“, sagt Sumser. Dazu gehört auch,
wuchernde Pflanzen klein zu halten. „Springkraut und Brennnesseln wachsen sehr hoch, wenn sie nicht
beseitigt werden, kommen die Orchideen nicht mehr durch“, so der Botaniker. Das sei besonders in
Feuchtgebieten der Fall.
„Dass diese Hochstauden so extrem wuchern, liegt am hohen Nährstoffeintrag durch Luft und Grundwasser“,
erklärt Sumser. Pflanzen, die ein Problem mit dem als Dünger verwendeten Stickstoff haben, ständen meist auf
der roten Liste der gefährdeten Arten. „Ich will nicht die Landwirtschaft verantwortlich machen, das ist eine
Entwicklung“, so der Botaniker. „Aber es ist die Frage, ob die Landwirtschaft so intensiv sein muss.“
Wegen der Orchideen sind einige Gebiete an Strunde und Schlade zu Naturschutzgebieten ernannt worden.
Trotzdem sind in den letzten 50 Jahren vier Arten erloschen. Um den Orchideenbestand im Volbachtal, im
Volksmund auch als Freudenthal bekannt, langfristig zu schützen, hat der Bergische Naturschutzverein mit
Mitteln der NRW-Stiftung dort eine Wiese gekauft. „Wir machen da ein Experiment mit Wasserbüffeln,
hauptsächlich wegen der Orchideen“, erklärt Sumser. Die zwei Büffel betreiben Biotop-Pflege, indem sie
wuchernde Stauden abfressen. Der Naturschützer schmunzelt. „Die Büffel haben sehr viel Aufsehen erregt, der
Zweck der Sache ist dabei untergegangen. Jetzt haben wir ein Schild an der Wiese aufgestellt, wofür sie da sind.“

Rhein-Berg -

„Bergisch Gladbach liegt am falschen Standort“, sagt Hubert Sumser, Botaniker und Vorstandsmitglied des RBN, des Bergischen Naturschutzvereins. Aus seiner Sicht ist das durchaus nachzuvollziehen. Denn die 83 Quadratkilometer große Stadt mit über 109 000 Einwohnern und zahlreichen Unternehmen ist auf Kalkdolomitgestein gebaut. Und auf solchem Untergrund siedeln sich auch gerne Knabenkraut und Waldvögelein an. Der Ochideenliebhaber hätte angesichts des günstigen Untergrundes natürlich lieber statt Häusern und Straßen mehr freie Flächen für die zarten Pflanzen. Wo und wie viele dieser heimischen Orchideen in Bergisch Gladbach und Umgebung zu finden sind, darüber gibt die im Sommer 2013 durchgeführte Orchideenkartierung Auskunft.

– Quelle: http://www.ksta.de/1904688 ©2016